Stadtplanung, ein „sozialer“ Beruf? – Vom einseitigen Gedankenkonstrukt über das „sozial“ und „nicht sozial“ in der Berufswelt

Wenn von „sozialen Berufen“ die Rede ist, werden damit in der Regel solche Berufsgruppen wie die Kranken-, Alten- und Behindertenpflege und -betreuung gemeint. Daran ist grundsätzlich auch erstmal nichts verkehrt. Aber wieso ist das Prädikat „sozial“ im Volksmund nur diesen wenigen Berufen vorbehalten, wo es doch weit mehr Berufe gibt, die den Menschen helfen. Die Stadtplanung z.B., um mal on-topic zu bleiben!

Vor einiger Zeit, mein Studium hatte grade erst begonnen, sagte mal jemand zu mir, das Studium und der Beruf der Stadtplanung bzw. des Stadtplaners sei eine „brotlose Kunst“. Solche, meist völlig unbegründeten, Aussagen lassen sich ja per se ganz gut entweder ignorieren oder argumentativ entkräften. Hätte ich in dieser einen speziellen Situation wohl auch gemacht, wenn die oben genannte Person nicht noch direkt den Satz „mach doch wenigstens was echtes, was soziales, so wie ich“ hinterhergeschoben hätte.

Die Person ist Altenpfleger/in (Geschlecht spielt hier keine Rolle, deshalb nerve ich mit Schrägstrichen) und hat mit der Aussage, sein/ihrer Beruf sei „sozial“, natürlich absolut recht. Was mir aber sauer aufgestoßen ist, ist die damit einhergehende Implizierung, die Stadtplanung sei nicht sozial. Ich hab diesen Berufszweig aber immer als sozial empfunden!

Deshalb musste ich darüber erstmal nachdenken, geht ja nicht anders.
Warum solle die Stadtplanung nicht „sozial“ sein, während die Altenpflege es ist?
Was bedeutet überhaupt „sozial“? Ich verstehe dieses Wort als „für den Menschen“, im guten Sinne. Demnach wäre aber auch die Autowerkstatt nebenan „sozial“, schließlich werden dort für den Menschen Autos repariert, was definitiv positiv ist. Also ist wohl jeder Beruf, welcher der Menschheit im positiven Sinne dient, „sozial“.
Woher kommt dann aber das Phänomen, dass die Berufe, die dem Menschen direkt helfen, als sozial bezeichnet werden und diejenigen, die dem Menschen auch helfen, jedoch indirekt, eben nicht?

Was macht den Unterschied zwischen „sozialen“ und „nicht sozialen“ Berufen? Wieso verdienen die Alten- und Krankenpfleger/innen das Prädikat des „sozialen Berufes“ und Autoschrauber/innen nicht?

Bei näherer Betrachtung fällt mir nur ein wirklicher Unterschied zwischen diesen beiden Berufen auf: Der Grund, warum er überhaupt ausgeübt wird. Ein Altenpfleger ist Altenpfleger geworden, weil er gerne unseren Älteren hilft, denen, die sich nicht mehr selbst helfen können. Aber eine Mechatronikerin schraubt wohl nur in den wenigstens Fällen an Autos herum, um den Menschen zu helfen, sondern meist vielmehr deshalb, weil sie nunmal sehr gerne an Autos herumschraubt.
Es ist also die Intention, der Beweggrund, seine Arbeit zu machen, die entscheidet, ob etwas „sozial“ oder eben nicht ist.

Ich kann und will der Kfz-Mechatronikerin nicht absprechen, dass sie in erster Linie diesen Beruf ausübt, um damit den Menschen, also den Autofahrern zu helfen. Genauso wenig wie ich allen, die in einem Altenpflegeheim arbeiten attestieren kann, dies aus Gründen des Helfen-Wollens zu tun. Und genau das ist der Knackpunkt!

Es ist völlig egal, welchen Beruf man ausübt und welchen Ruf dieser hat. Wirklich wichtig ist nur, warum man diesen Beruf gewählt hat. Das Denkmuster, dass Berufe mit direkter Hilfe am Menschen als „sozial“ bezeichnet werden dürfen und alle anderen nicht, halte ich für schlichtweg herabwürdigend. Wer ein Auto repariert und dies für den Menschen tut und nicht nur aus der reinen Lust heraus, daran rumzuwerkeln, handelt ebenso sozial, wie jemand, der kranke und behinderte Menschen pflegt und jemand, der sich Gedanken darüber macht, wie unsere Städte lebenswerter für die Menschen, die sie ertragen müssen, sein können.

Ist Stadtplanung also ein „sozialer“ Beruf?
Für mich auf jeden Fall.

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4 Gedanken zu „Stadtplanung, ein „sozialer“ Beruf? – Vom einseitigen Gedankenkonstrukt über das „sozial“ und „nicht sozial“ in der Berufswelt

  1. Allein im ersten Satz des Artikels über Stadtplanung in der Wikipedia erscheint das Wort „sozial“ – das müsste jetzt den ganzen „sozialen Hatern“ mal etwas zu denken geben. Weiterhin heißt „sozial“ ja auch „zur Gruppe gerichtet“ und ich denke, dass man dies der Stadtplanung schon zuschreiben könnte. Eine Stadt als Teilmenge der Bevölkerung eines Landes ist doch auch eine „soziale Gemeinschaft“, diesmal im sozialpsychologischen/soziologischen Sinne, eine Gemeinschaft, die durch die Interaktion der Individuen mit- und füreinander definiert wird.

    Man darf auch wieder nicht vergessen, dass die Personen, die von sich behaupten, die übten einen „sozialen Beruf“ aus, um anderen Menschen zu helfen, dies nicht einfach aus altruistischen Beweggründen tun. Sie machen das nicht ohne Entlohnung. Sie machen das nicht, obwohl es ihnen keinen Spaß macht. Einige vielleicht, ja. Ausgenommen auch mal freiwilligen Helfern für Rettungsdienste, Katastrophenschutz etc. Sie tun es vielleicht sogar manchmal nur aus dem einfachen Grund, dass es immer alte Menschen geben wird, die auf die Hilfe anderer angewiesen sind.

    • Schön zu lesen, dass ich nicht alleine stehe mit meiner Meinung, danke Lara! 🙂
      Aus der soziologischen Richtung lässt sich das natürlich auch betrachten und zeigt deutlich, dass diese oberflächliche Trennung zwischen „sozial“ und „nicht sozial“ einfach nicht greift.

      Zu dem zweiten Punkt: Selbstverständlich würden wohl die allerwenigsten ihr Leben lang Alte und Kranke pflegen, nur weil es ihnen Freude bereitet. Mir ging es nur darum, dass die Entscheidung, diesen Beruf ausüben zu wollen, wohl meist tatsächlich dadurch motiviert ist, den Menschen direkt helfen zu können. Denn es gibt auch andere krisensichere Jobs, die weniger mit teils doch sehr ekligen Krankheiten etc. daherkommen. Klingt platt, ist aber nicht so gemeint.

  2. Der Begriff „sozial“ ist in diesem Falle wohl Auslegungssache. Die einen sehen das So und die anderen eben So aber prinzipiell stimmt es das nicht nur Pflegeberufe als „sozial“ angesehen werden können obwohl sich das sehr wahrscheinlich niemals durchsetzten wird.
    Die meisten Leute sehen den Unterschied darin, das man dem alten Menschen in seinem Tages-/Lebenssituation hilft, also bis zu seinem Ableben hilft zu Essen und es wieder auszuscheiden. Im Falle der Stadtplanung geht es eher um Entwicklung, Technologie, Geld und Fortschritt daher ist der Begriff „sozial“ vielleicht nicht der passendste. Das da auch ein „guter Wille“, im Sinne der Menschheit, hintersteckt, würde ich aber dennoch niemals abstreiten. Es gibt halr Diese 🙂 Menschen und Diese 😦 Menschen. Ist im Endeffekt wirklich nur Ansichtssache.

    • Hallo „Denhabichnicht“,

      ich denke, wir sehen es so ziemlich gleich. Ob sich diese Denkweise in irgendeiner Forum durchsetzen wird, vermag ich nicht zu sagen. Ich finde es nur wichtig, dass wir lernen, nichts einfach so hinzunehmen, sondern grundsätzlich zu hinterfragen und zwar in allen Dingen. 🙂

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